Gute Zeiten, echte Zeiten

03.05.2012 10:35

PORSCHE FAHRER zu Besuch beim Chefdesigner

Über die Stationen General Motor, wo Anatole Lapine 1952 begonnen hatte, und Opel kam der gebürtige Lette 1969 zu Porsche.

Anatole Lapine war sich anlässlich der Präsentation des Porsche 928 auf dem Genfer Salon sicher: “Konventionelle Autos wirken nach kurzer Zeit langweilig. Mit dem 928 wird man sich noch in Jahren auseinandersetzen”. 30 Jahre später sieht sich der ehemalige Porsche-Designchef bestätigt.

Anatole Lapine öffnet die Tür seiner Wohnung in Baden-Baden. Mit nackten Füßen  und gelben Spülhandschuhen an den Händen. Unprätentiös, bescheiden. „Sprich leise und man wird Dich hören“, sagt Lapine (77) mit  tiefer, ruhiger Stimme wie zur Erklärung. So hätte er in den GM-Styling-Studios in Detroit, den kreativsten Orten des Autodesigns ihrer Zeit, wo Oberlehrer-Typen und Lautsprecher nicht wohl gelitten waren, sein Handwerk gelernt. Im Team und im gegenseitigen Respekt zueinander. In dieser schlichten Art sei der Porsche 928 entworfen worden, dessen Form bald 20 Jahre aktuell blieb und der erst jetzt nach drei Jahrzehnten als der große Wurf entdeckt wird, der er ja schon immer war.

"Etwas Neues musste her, denn in den USA schien die ZEit für den 911 abzulaufen"Aus der Historie der Firma mit ihrer Verpflichtung für organische, dem Wind gehorchenden Formen sei der 928 entstanden und aus der Herausforderung, dem überlebenswichtigen US-Markt ein Auto anzubieten, das modernste und schärfste Ansprüche an Sicherheit und Abgas-Limits erfüllte. Die eigene Geschichte des Anatole Lapine ist in dessen Küche zu finden. Drei Wände voll mit Bildern, Fotos, Zeichnungen aus fast 40 Jahren Design, Rennfahrer-Leben und Automobilbau. Designer-Legenden wie Harley Earl und Bill Mitchell, den Corvette-Vater Zora A. Duntov, die Rennfahrerin Elisabeth Junek, Ferry  und Butzi Porsche, Prof. Ernst Fuhrmann, Ferdinand Piech, die Eltern Lapine, Ehefrau Jeanette, die Kinder Hans, Klaus und Inge und natürlich Autos, Autos, Autos.

Der schwarze Porsche 356 Carrera, den Lapine 1959 für unanständig viel Geld nach Detroit holte und der 1957er Meskowski-Sprint-Rennwagen mit Chevy-V8, den Lapine in den 80er Jahren um europäische Rennstrecken trieb, sind auf den Fotos zu sehen. Daneben Ansichten des Chevrolet Corvair Monza, die Steilvorlage für den späteren Opel GT, und alle möglichen Porsche. Zählt man die Aufnahmen der Familie hinzu, kommen bald acht Jahrzehnte zusammen, auch eine Geschichte der historischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts, die den am 23. Mai 1930 in Riga / Lettland geborenen Anatole Lapine zum obersten Porsche-Gestalter aufsteigen ließ.

Aufgewachsen in der lettischen Kaffeehaus-Kultur verschlug es Lapine mit dem lettischen Vater Otto und der russischen Mutter Bronislava 1939 ins besetzte, polnische Posen. In Riga lernte Anatole Lapine in der ersten Klasse der Volksschule Englisch, als „heim ins Reich“ geholter Balte wurde er in Posen Hitlerjunge.

"Das Team war perfekt, 43 Leute. Man muss die Mitarbeiter an der langen Leine lassen"1945, auf der Flucht vor der Roten Armee und mit nicht mehr Hab und Gut als eine Hand tragen konnte, gelangte Familie Lapine mit einem der letzten in Richtung Westen fahrenden Züge nach Rahlstedt bei Hamburg. In einer Kantine der britischen Armee konnte der 15-Jährige sein Schulenglisch ausbauen, in Hamburg-Wandsbek machte Lapine bei Daimler-Benz eine Autoschlosser-Lehre und besuchte anschließend für ein Semester die Hamburger Wagenbauschule.

Als „Displaced Persons“, staatenlose Vertriebene, wanderte die Familie 1951 mit Hilfe der  „Lutheran World Federation“ in die USA aus und wurde von der zentralen Migrations-Behörde nach Lincoln / Nebraska verschickt. Drei Wochen schmierte Anatole Lapine in Nachtschichten Lokomotiven ab, bis das Geld für einen neuen Anzug und ein Greyhoundbus-Ticket nach Detroit reichte. An Bord des Auswandererschiffes hatte Lapine eine junge Dame kennen gelernt, sie hatte ihm von Detroit erzählt. Lapine wollte zu General Motors, der uniformierte Werksschützer schickte ihn ins benachbarte GM-Research Center. Im 11. Stock stieg Lapine aus dem Aufzug und antwortete auf die Frage, von wem er komme, wahrheitsgemäß „Von Daimler-Benz“. [...]


Den kompletten Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 2-2007.

Zurück