Kurvendiskussion: Die Gestaltung einer Ikone

21.05.2012 10:06

CLASSIC DRIVER - Partnerartikel

Kurvendiskussion
© Porsche

Lust oder Last? Was es bedeutet, einen neuen Porsche 911 zu gestalten, wurde vergangene Woche bei einem interdisziplinären Designtalk in Frankfurt diskutiert. Der Rat für Formgebung hatte Porsche-Designchef Michael Mauer eingeladen – und einige hochkarätige Kritiker.

Es gibt wenige Projekte, bei denen man sich als Designer derart kritisch über die Schulter schauen lassen muss, wie bei der Weiterentwicklung eines verdienten Klassikers. Wenn eine Ikone des Produktdesigns neu aufgelegt wird, sieht eben nicht nur die Öffentlichkeit ganz genau hin – sondern auch die gesamte gestaltende Zunft. Gerade ist mit der neuesten, siebten Generation des Porsche 911 ein Paradebeispiel für dieses Phänomen auf die Straße gekommen. Ferdinand Alexander Porsche hat in den frühen 1960er Jahren mit dem Ur-911 einen Design-Dauerbrenner geschaffen, dessen Grundrezept auch heute noch funktioniert. Der 911 gilt als Archetyp des Sportwagens „Made in Germany“ – keine andere Form hat sich so lange gehalten, keine hat solch einen immensen Erfolg. Doch wie modernisiert man einen derartigen Allstar? Und wie kann man als Designer zugleich Herkunft und Zukunft gerecht werden? Um eine Antwort auf diese Fragen zu finden, hat der Rat für Formgebung zu einer Diskussionsrunde in die Frankfurter Design-Galerie Landau geladen.

„Ich glaube, dass der Porsche 911 seit 50 Jahren so erfolgreich ist, weil das Design sehr behutsam, aber auch sehr konsequent weiterentwickelt wurde“, sagt Porsche-Designchef Michael Mauer. Es gehe für ihn als Designer um die Akzeptanz dessen, was über die Jahre entwickelt wurde. Aber auch die Konfrontation, das Infragestellen, das Vermeiden von Retro-Design. So hat Mauer, der für Porsche bereits den Panamera zeichnete, die Aufgabe 911 zunächst als Last, dann als große Herausforderung empfunden. Der kritischste Moment sei der gewesen, als der Vorstand aus drei Modellen auswählen musste – und sich dann aber glücklicherweise für Mauers Favoriten entschied. „Eigentlich besteht nur die Hälfte meiner Arbeit aus Design“, scherzt Mauer. „Die andere Hälfte ist missionarische Tätigkeit.“

Ging es F.A. Porsche noch primär darum, einen „neutralen“ Sportwagen zu entwerfen, ist heute jeder Gestaltungsschritt genauestens auf seine Kundenwirkung hin durchdacht. Für das Designteam um Michael Mauer gliederte sich die Arbeit am 911 in drei Phasen: Zunächst ging es um das Packaging, also die Proportionen und Dimensionen des Autos. Durch leichte Korrekturen – größere Räder, längerer Radstand, flacheres Dach – wurde der Charakter dynamischer, ohne die Proportionen grundlegend zu verändern. In der Stylingphase wurde die Marken- und Produktidentität herausgearbeitet: Typisch Porsche ist beispielsweise die geschwungene Typographie der Fronthaube, der Verzicht auf einen Kühlergrill, der Schulterschwung. Typisch 911 derweil die abfallende Dachlinie, Flyline genannt, und die runde Scheinwerferform. Darauf folgte schließlich das Fine-Tuning, bei dem von der Felge bis zum Seitenspiegel jedes Detail durchdekliniert wurde. So entand ein Sportwagen, der sich mit den Vorstellungen und Erwartungen der Kunden möglichst decken soll – oder diese im besten Fall sogar noch übertrifft.

„So ein Porsche 911 steht ja in einem riesigen Image-Nebel“, erklärt Professor Lutz Fügener vom Fachbereich Transportation Design  an der Universität Pforzheim. Jedem falle dazu eine historische oder persönliche Geschichte ein. Diesen Nebel wegzupusten und das Design dahinter klar zu sehen, sei schwer. Laut Fügener ist der Druck auf die Designer in letzten Jahren stärker geworden, einem neuen Auto ab Werk gleich ein fertiges Image mitzugeben. Das führe oft zu Übertreibungen beim Überholprestige. „Viele Autos sehen auf den ersten Blick aus wie Kampfhunde und sind eben doch nur Einkaufswagen. Ein Porsche dagegen braucht keinen Falkenblick. Er kann ganz treu gucken und jeder weiss trotzdem, was er kann.“

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